György Kampis:

 

Nach der Epoche der Universitäten?

In meinem Vortrag möchte ich aus dem Lichte der heutigen Entwicklung über die Beziehung von Universitäten und Wissen sprechen.

Ich gehe von einem Fakt aus, der für alle von uns klar ist: in der zurückliegenden größeren Epoche, die etwa 100 bis 150 Jahre umfaßt, begann im XIX. Jahrhundert ein Prozeß, der in den letzten Jahrzehnten seinen Höhepunkt erreichte und durch die immer größer werdende Bedeutung der Universitäten als Institutionen bei der Bewahrung und Weiterentwicklung des Wissens charakterisiert werden kann. Diese Periode könnte als Epoche der Herrschaft der Universitäten bezeichnet werden. Gleichzeitig ist es auch die Periode, die eine - gemessen an früheren Prozessen - beispiellose Vervollkommnung des Entwicklung des Wissens kennzeichnet, eine Entwicklung, die in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts die deutlich sichtbaren und gut bekannten Erfolge von Wissenschaft und Technologie bewirkte. Dei Herrschaft der Universitäten jedoch, so scheint es mir zumindest, geht immer schneller ihrem Ende entgegen.

In meinem Vortrag möchte ich zuerst andeuten, was ich näher betrachtet unter der Herrschaft der Universitäten verstehe, und warum ich denke, daß wir uns in der Nähe eines Wendepunktes der Entwicklung befinden. Anschließend möchte ich darüber sprechen, welche Perspektiven und alternativen Möglichkeiten sich meiner Meinung nach in Zukunft für die Schaffung, Bewahrung und Weitergabe des Wissens, mit einem Wort: für die "Wissenstechnologie", ergeben werden.

Die Herrschaft der Universitäten

Was soll man nun unter der Herrschaft der Universitäten verstehen, und handelt es sich dabei um eine gute oder eine schlechte Erscheinung?

Die Universität ist ein historisches Gebilde. Universitäten gab es nicht immer und es ist durchaus möglich, daß auch nicht für immer bestehen bleiben. Die ersten Universitäten - wie in Bologna oder in Oxford - entstanden im XI.-XII. Jahrhundert, teils als staatliche Institutionen, teils als Institutionen der Kirche. Allgemein breiteten sie sich im XIV.-XV. Jahrhundert aus, ihre heutige Form erlangten sie im vergangenen Jahrhundert - und unter letzterem verstehe ich die Absicherung der mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen einhergehenden, obligatorisch vorgeschriebenen massenhaften Hochschulbildung.

An dieser Stelle könnte man sofort für einen Moment stehen bleiben, um die Bemerkung zu formulieren: es ist natürlich nicht völlig klar, was "Universität" hinsichtlich einer umfassenden historischen Perspektive bedeuetet. Ob man dieses Wort auf die Stirnseite eines Gebäudes schreibt, ist vom eigentlichen Gesichtspunkt her sicher nebensächlich. Die Universität als Institution ist, so meine ich, als Antwort auf eine bestimmte Herausforderung zu interpretieren. Diese Herausforderung kann durch drei Punkte charakterisiert werden.

  1. das Bestreben nach der Schaffung einer Forschungsbasis, in der die strenge, sich aus dem Streben nach neuem Wissen ergebende Analyse von einem oder mehreren, voneinander abgegrenzten Wissensgebieten - Disziplinen - vorgenommen wird (man sollte nicht vergessen, daß "Disziplin" auch eine Verhaltensweise bezeichnet);
  2. die Transformation des Wissens zu einer Gemeinschaft, die die Lehren frei (also freiwillig), jedoch unter gegebenen Rahmen verfolgt, unabhängig davon, ob die gesteckten Rahmen kirchliche oder weltliche sind;
  3. die Möglichkeit, daß die Gesellschaft diese Institutionen in eine solche Richtung bewegen kann, daß sie das sich in der Praxis der Institution verkörpernde Wissen nutzen kann.

Diese Anforderungen, die gleichzeitig auch Bedingungen für die Tätigkeit der Institutionen sind, schaffen unter der gegenwärtigen Umgebung von Industrie und Technologie erfruliche Bedingungen für all jene, die - wie auch ich selbst - an einer Universität unterrichten. In der modernen Gesellschaft sind die meisten Positionen und Arbeitskreise an einen gewissen Bildungsstand gebunden. Das notwendige Bildungszentrum ist - besonders unter Hinweis auf das innerhalb der zuvor aufgezählten Geschichtspunkte erwähnte Kriterium der Wissensweitergabe und der Anwendung des Wissens - die Universität.

Die weitreichenden gesellschaftlichen Folgen dieses Fakten müssen klar durchdacht werden. Für einen Wissenschaftssoziologen kann es zum Beispiel durchaus von Interesse sein zu untersuchen, wie sich die immer wieder auftauchende, für mich jedoch völlig unverständliche Legende über die Trennbarkeit von Wissenschaft und Technologie aus den ersten beiden der aufgezählten Kriterien, also aus der Überbetonung von Forschung und Lehre, ernährt, während die Universitäten hauptsächlich wegen der letzten beiden, also wegen der Wechselwirkung von Lehre und gesellschaftlicher Anwendung, existieren. Darüber hinaus führt uns - wie ich etwas später noch zeigen werde - die Nichtbeachtung des dritten Gesichtspunktes aus der Welt der Universitäten heraus.

Bisher war nur von einem einzigen Gesichtspunkt, von der Herrschaft der Universitäten die Rede. Meine These, die natürlich nicht neu ist, lautet - überspitzt und bewußt vereinfacht formuliert - folgendermaßen: in der modernen Gesellschaft stellt die Universität betrachtet vom Aspekt des für die gesamte Gesellschaft verfügbaren Wissens einen entscheidenden Knotenpunkt dar. Noch einfacher und noch provokativer formuliert: die Professoren haben den größten Einflußauf die Gedankenwelt der Gesellschaft. In entwickelten Ländern erwirbt ein - auch als Bevölkerungsanteil ausgedrückt - wirklich bedeutender und noch dazu der später aktivste Teil der Gesellschaft das gros seines Wissens über die Welt direkt mit Hilfe der Universitäten. Hierbei sollte nicht vergessen werden, daß unser Wissen über die Welt - wenn Sie gestatten, möchte ich an dieser Stelle bemerken, daß der folgende Gedanke auch vom Aspekt meines engeren Wissenschaftsbereiches, also der Wissenschaftsphilosophie durchaus interessant ist - nahezu vollständig aus zweiter Hand, also aus Büchern und aus Vorträgen stammt. Oder haben Sie vielleicht selbst archäologische Ausgrabungen unternommen UND selbst quantenmechanische Messungen vorgenommen? Die gewaltige Gesamtheit von solchen und ähnlichen, von anderen übernommenen Wissenssegmenten stellen - einen Ausdruck von Mihály Polányi verwendend - das persönliche Wissen dar. Die betrachterliche Gestaltung dieses persönlichen Wissens, sowie das Auffüllen der sich in unseren Köpfen befindenden - lassen Sie es mich bitte salopp so ausdrücken - "Datenbank geschieht überwiegend an den Universitäten.

Wirtschaftliche und politische Führungskräfte, Managerek und Fernsehriporter vertreten, verwirklichen und vermitteln also nicht irgendwelche Ansichten, und treiben damit die Spirale des Wissens weiter voran. Im Gegenteil, da sie alle ein Universitätsstudium absolviert haben, vertreten sie solche - wenn auch keinesfalls homogene, jedoch auf einer gemeinsamen Basis beruhende - Wissenselemente, die entscheidend durch das an den Universitäten geformte persönliche Wissen legitimiert sind.

Das "persönliche Wissen" verfügt über eine weitere interessante Dimension, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Polányi, der sich von einem weltbekannten Chemiker zu einem weltbekannten Wissenschaftsphilosphen entwickelte, war ein Pionier bei der Betonung dieses Elements in einer Zeit, in der man im Rausche des empirischen Wissens lebte und dessen Vorbedingungen vegessen hatte. Später bestätigte die Wissenschaftsphilosophie die Ansichten Polányis, die er folgendermaßen formulierte: Glauben, Vertrauen, Einstellung, ja manchmal sogar Mut braucht man zum Wissen; etwas, das die wissenschaftlichen Theorien nicht enthalten, das nur durch persönliches Beispiel, Glaubwürdigkeit und Authentität weiter gegeben werden kann. Gerade dies ist die wahrscheinliche Quelle des sich an Muster bindenden, oder mit einem gegenwärtig oft benutzten, jedoch teils nicht exaktem Ausdruck formuliert "paradigmatischen" Denkens, dessen Vorteile wir alle spüren. Dies ist die Quelle der gemeinsamen Sprache, in der wir einander verstehen. Es ist also die gemeinsame Sprache, und das soll hier nochmals betont werden, was ich unter Herrschaft der Universitäten verstehe, die Universität vermittelt durch ihre Lehrkräfte.

Die sich in diesem Prozeß zusammenballende gewaltige geistige Macht geht selten mit einer entsprechenden materiellen Macht einher, doch dies ist unter dem Aspekt unserer Gesichte nicht wichtig. Unter dem Aspekt dieser Geschichte ist nur wichtig, daß es die Macht der geistigen Beeinflussung ist, die das Prestige der Universitäten in die Höhe hebt. Doch dieses Prestige verfällt seit Jahrzehnten.

 

Universität, Wissenschaft, Politik

Es wäre eine zu große Versuchung an dieser Stelle zu beginnen, die Probleme der Universitäten aufzuzählen. Gegenwärtig wird viel über die allgemeine Krise des Hochschulwesens geschrieben, über die sich verschärfende materielle Situation der Universitäten, über den Saugeffekt seitens der Privatsphäre, über die Eigentümlichkeiten des Wechsels von extensiver zu intensiver Entwicklung, über die sich daraus ergebenden Schranken und Einschränkungen, und über vieles ähnliche mehr. Hierbei handelt es sich um internationale Tendenzen, die nach meiner Überzeugung der Mehrheit der Anwesenden persönlich oder vom Hörensagen gut bekannt sind. In Ungarn ist die Situation - gemäß der örtlichen Stimmung - besonders kritisch, man befindet sich in einer Phase der Umgestaltung. Die Betroffenen kritisieren vehemend die in Detailfragen leider fehlerhafte Konzeption der normativen Finanzierung, die Verdrängung der qualitativ anspruchsvollen Hochschulausbildung, die immer unmöglicheren Zustände an über Jahrhunderte führenden Universitäten und die unbegründete Entwicklung von früher unbekannten Universitäten.

Hier stehen zahlreiche wichtige Fragen hinsichtlich der Überlebenschancen einzelner Universitäten, bezüglich der Beziehungen von Universitätsvorständen und Politik, und auch im Zusammenhang mit dem Schicksal der Universität als Institution im Raum. Auch über die historische Verantwortung der die Entscheidungen treffenden Akteure muß man sich im Klaren sein. Ich möchte trotzdem nicht zu diesem Problemkreis sprechen (obwohl natürlich meine Existenz davon abhängt...)

Ich möchte mich lieber auf die allgemeine Situation des Wissens und auf seine Beziehungen zu institutionellen Formen konzentrieren.

Ich meine, daß innerhalb der Periode der Herrschaft der Universität grob drei Epochen voneinander unterschieden werden können: die durch die Neugier (curiosity), die Berufung (mission) und die Probleme (issue) motivierten Epochen. Die die Epochen charakterisierenden Faktoren sind zwar jeweils in unterschiedlicher Wichtung, doch gemeinsam immer präsent. Die Epochen können so durch die Veränderung der Wichtungen gekennzeichnet werden. Die gegenwärtige, sich verändernde und wie zu zeigen sein wird: kritisch werdende Situation der Universitäten wird mit der Schwelle zur dritten Epoche in Zusammenhang gebracht.

Die erste Epoche ist jene, die volkstümlich als Epoche der romantischen Wissenschaft bezeichnet wird, deren Ursprung weit zurückreicht und mit der Epoche der Aufklärung ihren Anfang nahm. Der typische Vertreter dieser Epoche ist der wohlhabende, unabhängige Adlige oder Bürger (letzterer mag zum Beispiel Advokat gewesen sein), beziehungsweise der im Dienste eines aufgeklärten oder unersättlichen Fürsten stehenden Lehrers oder Entdeckers. Warum wirft das Ebonitstäbchen beim Reiben Funken, welche Pflanzen sind in Sibirien heimisch, wo liegt Troja? In diese, ein wenig tendenziöse Aufzählung wurden absichtlich solche wissenschaftshistorischen Fragen aufgenommen, die aufgrund einer detaillierten Analyse an ferneren Punkten eines Spektrums zu finden sind. Das Ziel damit war, einen gemeinsamen Nenner als solchen Hintergrund zu bilden, an dem gemessen sich die Wissenschaft der nahen Vergangeheit deutlich hervorhebt.

Die Wissenschaft der näheren Vergangenheit (und vielleicht auch die der Gegenwart) wird durch die Dominanz der gesellschaftlichen Ziele, oder durch die aus Propagandazielen als gesellschaftlich deklarierten Zielen gekennzeichnet. Die Welt soll elektrifiziert werden, die Kommunikation soll billig und funktionssicher sein, Menschen sollen auf den Mond fliegen. Oder ein Beispiel aus der Gegenwart: das Medikament zur Heilung von AIDS muß gefunden werden. Hierbei handelt es sich wirklich um Berufungen, um Missionen, die einerseits durch das Programm zur Verbesserung der Lebensbedingungen (einem zentralen Gedanken der Modernisation), andererseits jedoch (siehe das Beispiel von Mondreisen) die Erfüllung der aus früheren Zeiten stammenden romantischen Elementen der Forschung motiviert werden. Darüber hinaus existiert eine dritte Epoche, die wiederum durch die erneute Veränderung der Motivation zu Forschungsaktivitäten charakterisiert werden kann. In der Epoche der problemorientierten Forschung ist der Grund zu Forschung, daß Forschungsaufträge erteilt werden. Die Schlüsselfigur in diesem Prozeß ist der Auftraggeber oder der Klient.

Es ist natürlich klar, daß die Auftraggeber und die im vorherein formulierten Ansprüche zur Anwendung selbst bei der Entwicklung der abstraktesten Wissenschaften, wie zum Beispiel bei der Entwicklung der Mathematik eine wichtige Rolle gespielt haben; der Mäzen oder Auftraggeber ist bereits in der romantische Epoche präsent, über die Epoche der Berufung ganz zu schweigen. Das neue Element mit dem Erscheinen des Klienten (sei es eine Person, oder eine Institution) besteht darin, daß mit ihm ein benennbarer Akteur auftritt, der genau weiß, was er will. In der Epoche der Berufung gibt es keinen solchen personifizierten Auftraggeber, der "Klient" (hier muß dieser Ausdruck wirklich in Anführungszeichen gesetzt werden) ist die gesamte Gesellschaft. Noch früher, in der Epoche der Neugier war unser Held gemäß unseren Voraussetzungen materiell und geistig mehr oder weniger unabhängig (als Privatbürger mehr, als Hauslehrer weiniger); der Auftraggeber, soweit er überhaupt existierte, bot nur die Möglichkeit zur Forschung, an den Einzelheiten hatte er kein Interesse. Die Epoche des Auftraggebers führt zu einer neuen Dimension der Abhängigkeit und parallel dazu zu einem neuen Verteilungssytem.

Ich finde es bemerkenswert, daß der Übergang von der ersten Epoche zur zweiten die Vereinheitlichung des Wissens und der Wissenstechnologie, die zentralisierte und durch die Gesellschaft unterstützte Allokation der sich dynamisch entfaltenden Ziele und der sich noch schneller entwickelnden Mittel bedeutete, während der Übergang von der zweiten Epoche zur dritten- sofern er, wie ich andeute, erfolgt - einen damit entgegengesetzt verlaufenden Prozeß darstellt.

Klient kann jederman sein, der Bedarf an Ergebnissen von Wissen (knowledge claims) hat; Wissensbasis (knowledge host) kann ebenfalls jederman sein, der den erwähnten Bedarf nach den vom Klienten gesetzten Gesichtspunkten befriedigen will oder kann. Erinnern wir uns jetzt zurück an das, was als Charakteristika der Universitäten erwähnt wurde, also an die drei Faktoren: freie Forschung, freie Lehre und Anwendung, dann entspricht die Epoche der Klienten der übertriebenen Geltendmachung des dritten Faktors.

Damit sind wir an einem wesentlichen Punkt des Gedankenganges angekommen. Im weiteren Teil meines Vortrages möchte ich detailliert darlegen, daß die Anwendung der Tendenz von problemorientierter Forschung auf die Universitäten meiner Meinung nach nicht nur bedeutet, daß die Universitäten einfach zu anwendungsorientierten Zentren umgestaltet werden, sondern daß es sich hierbei um einen Prozeß von weitaus größerer Wirkung handelt, der die Grundlagen des im üblichen Sinne interpretierten Wissens untergräbt. Dieser Prozeß beendet die privilegisierte Rolle der Universitäten. Neue Wissensbasen (host) werden entstehen, die bestrebt sein werden, einem wachsenden System von Gesichtspunkten zu entsprechen. In der Epoche des Klienten werden sich die Begriffe von Wissenschaft und Wissen verändern. Gerade deswegen meine ich, daß der Prestigeverlust der Universitäten nicht aufhören wird, wir stehen an der Schwelle des Zeitraums nach der Epoche der Universitäten.

Dieser Prozeß erscheint durch Mittler, zum Beispiel dadurch, daß der Bedarf nach auch als postmodern bezeichneten relativistischen Wissenergebnisse in den Vordergrund gerät, deren Klienten das traditionelle Wissen mit Zweifeln betrachten. Der Schlüssel zum Verständnis all dieser Entwicklungen sind, wie auch im Falle von vielem anderen, die Verbreitung von Informationstechnologie und die Verbreitung der Medien.

 

Die Rolle der neuen Medien

 

Als James Joyce oder Jorge Borges begannen, mit mehrdimensionalen Texten zu experimentieren, oder als Ted Nelson von weltweiten semantischen Verbindungsnetzen träumte, glaubte man, daß eine neue Epoche des Schrifttums nahte. Wie bekannt ist, war das Ergebnis etwas ganz anderes. Über das eine Form des Gedankens realisierende Internet äußern sich zahlreiche Philosophen ebenfalls über eine Erscheinung eines neuen Schrifttums, das die Zeiten von vor Gutenberg (nach der Meinung einzelner sogar die Zeiten von vor Platon) wiederbringt. In diesem Zusammenhang sollen zwei Faktoren erwähnt werden: in der Epoche des gedruckten Schrifttums ist das Buch ein entgültiger Text, zu dem der Leser ein typisch einseitiges Verhältnis hat. Im Internet (man denke hier nur an die Adressenlisten oder an die mittels cut-and-paste hergestellten homepages) kann jeder Text neu verwendet und neu gestaltet werden, und zwar in einem Prozeß, in dem jeder Schriftsteller und Leser zugleich ist. Zum anderen: während ein Buch von individuellen Autoren stammt, so sind die über das Internet entstandenen Texte - ähnlich wie Volksmärchen oder Witze - Gemeinschaftsprodukte. Die Bedeutung davon sollte nicht unterschätzt werden. In einzelnen Diskussionsgruppen würde man mit gemeinsamen Anstrengungen wesentlich weiter kommen, als die Autoren der richtungsweisenden Fachliteratur; dies wirft übrigens die interessante Frage der wissenschaftlichen Publikationen auf, mit der ich mich hier allerdings nicht beschäftigen möchte.

Noch wichtiger halte ich ein Nebenprodukt dieser Entwicklung, die sofortige Erreichbarkeit der Informationen. Lassen Sie mich bitte kurz auf ein scheinbar bedeutungsloses Detail eingehen, um später zum gemeinsamen Schicksal der Universitäten und des Wissens zurückzukommen. Was ich jetzt sagen werde, ist Spekulation, doch meine Studenten, von denen ein Teil in einem das Niveau von utopischen Phantasien verleugnenden Maße mit derartigen Problemen verflochten sind, vermitteln mir die gleichen Spekulationen.

Also: Wer sich die Zukunft so vorstellt, daß man nach einer anfänglichen Pionierepoche für alle Dienstleistungen bezahlen muß, der irrt. Es ist zwar Fakt, daß man sich gegenwärtig mit einer derartigen Ausdehnung der Kopiergesetze (copyright) versucht, doch ihnen Geltung schaffen dürfte - und zwar aus prinzipiellen Gründen - wahrscheinlich unmöglich sein. Das Wesen der Sache liegt ja eben gerade darin, daß jederman zu jeder Zeit jegliche Information erreicht und dann damit macht, was er will, zum Beispiel gibt er sie an das Internat zurück. Man kann nicht neben jeden Staatsbüger einen Polizisten stellen, die freie Verbreitung der Information (streng vom Standpunkt des heutigen Rechts betrachtet: das illegale Kopieren) ist scheinbar grenzenlos.

Heute muß für die Information bezahlt werden, der Preis für Datenbasen ist sehr hoch. Der Grund dafür ist, daß die Eigentümer der Information für ihre Arbeit Geld bekommen möchten - und zwar mit vollem Recht. Die Erreichbarkeit aller Informationen allerdings - genauer gesagt: die Folge, daß man schnell im Meer dieser Informationen untergehen kann - wirft nun einen prinzipiell neuen Gesichtspunkt auf, den der Authentität. Ich halte es für wahrscheinlich, daß das Geschäft der Zukunft hier liegen wird, und nicht bei den Informationsdienstleistungen. Natürlich kann der "Eigentümer" der Information - und hier müssen wieder Anführungszeichen benutzt werden, denn seit einer ganzen Weile betone ich ja, daß man in der Zukunft Informationen nicht besitzen, sondern nur benutzen kann, also der gegenwärtige Eigentümer - mit neuer Identität erneut teilhaben an der Informationsgestaltung.

Lassen Sie mich bitte an einem Beispiel andeuten, worum es bei der Authentität geht. Ich habe etwas im Internet gefunden, die Information, daß man das Gen der Sprache gefunden hat. Stimmt das, oder stimmt es nicht? Wie soll ich es entscheiden? Natürlich werde ich jemanden fragen, der das Thema kennt. Aber woher soll ich wissen, ob er wirklich mit dem Thema vertraut ist, wenn ich es nicht verstehe und es deshalb nicht entscheiden kann? Also werde ich auf Vertrauensbasis entscheiden: aufgrund meiner früheren Erfahrungen gleube ich es ihm. Die Verbindung zum Problem des persönlichen Wissens ist offensichtlich, von dem ein Element - Vertrauen und Glaube - zuvor bereits erwähnt wurde. Die auf der Informationsstraße antreffbaren Wisenschaftsaspiranten sind überwiegend allerdings zweifelhafte Gestalten, doch ein immer größer werdender Teil der auf uns beeinflussenden Wirkungen geht gerade von ihnen aus. Wir werden also später nicht in jedem Fall unsere Freunde um Rat fragen können, schon deshalb nicht, weil sie sehr beschäftigt sein werden: sie werden sie bei anderen informieren, ob erhaltene Informationen richtig sind.

Daß es sich hierbei um eine wirklich tiefgreifende kulturelle und Vertrauenskrise der Zukunft handeln kann, illustriert der bekannte Fakt der Sozialpsychologie, daß die Menschen bereit sind, die über öffentliche Medien erhaltenen Informationen zu glauben: die Medien sind eine Autorität. Stellen wir uns nun vor, daß statt der gewohnten TV-Kanäle jederman zu jeder Zeit jegliche Information auf den Bildschirm bringen kann (dieser Augenblick ist nah, denn das Internet ist bereits mit einer Satellitenantenne zu empfangen, während die Befehle auf übliche Art und Weise mittel Telefon und Modem gegeben werden). Die traditionellen Autoritäten und ihre vertraulichen Quellen verlieren den Boden unter den Füßen. Autoritäten sind nun aber notwendig, irgendwie wird sich dieses Problem also lösen müssen.

Dies ist das Problem des aus heterogenen Quellen stammenden authentischen Wissens, dessen Anziehungspunkt die Universitäten nicht mehr sein können. Die Universität als Institution hört wegen ihres sinkenden Anteils am Informationsumlauf auf, Authentitätszentrale zu sein. Diese zentrale Rolle wird den Universitäten von neuen, auf geschäftlicher Basis stehenden Authetitätseinheiten abgenommen. Diese werden ausgewählte Inhaltsverzeichnisse mit Hilfe entwickelter Softwaretechnologie oder mittels semantische Aufarbeitung ausübender künstlicher Intelligenz offiziell bestätigen.

 

Wissen nach der Epoche der Universitäten

 

Zwei Fragen stehen noch aus. Was wird mit den Universitäten geschehen, welche Rolle werden sie in der veränderten Situation spielen? Was geschieht mit dem Wissen selbst, welches werden die neuen institutionellen Formen sein, die - wie ich behaupte - die ersten beiden der die Universitäten charakterisierenden drei Faktoren - die Bewahrung und Weitergabe von Wissen - ermöglichen?

Die erste Frage erscheint mir intellektuell nicht besonders interessant. Ein Sinken des in Richtung der Vergesellschaftung der Bildung wirkenden Massenbedarfs, der Nachfrage nach universitärer Ausbildung ist nicht beobachtbar. Ich gehe deshalb davon aus (obwohl ich gestehen muß, daß ich über bildungspolitische Fragen wenig weiß), daß die Mehrheit der Universitäten - sicher nicht weit entfernt von den Vorstellungen der Exekutive - ihre Rolle nach eher zu Schulen werden, und zwar innerhalb der immer allgemeiner werden Ausbildung von 15- bis 17-jährigen.

Auf die zweite Frage von bereits wesentlich höherer Bedeutung findet man die Antwort vielleicht im System der Klienten. Es sind nicht nur negative Wirkungen möglich, die mit dem Verlust der zentralen Rolle der Universitäten in Zusammenhang stehen, sondern die neu entstehenden Wissenszentren können auch positive Auswirkungen haben. Die Rolle von staatlichen und privaten Stiftungen wird voraussichtlich steigen, diese verfügen natürlich über ein eigenes Wert- und Wahrheitskriterium. Selbstverständlich durch den Staat kontrolliert, und mit den gesellschaftlichen Zielen der Wissensbewahrung in Einklang stehend, werden auch private Stiftungen Funktionen der sich erneuernden Universitäten übernehmen. Die dem entsprechende institutionelle Form könnte ein durch eine Stiftung unterstütztes Forschungsinstitut sein.

Im Zusammenhang mit dem Internet wurde der Gedanke vom zweiten Schrifttum erwähnt, daß letzteres eine Rückkehr zu den Charakteristiken der Epoche vor den Büchern sein könnte. Es ist vielleicht nicht uninteressant, daß das soeben formulierte für die Universitäten etwas ähnliches bedeutet - die Rückkehr zur Wissenstechnologie vor der Epoche der Universitäten, in die Zeit der Kloster, in der die eigentliche Wissenstramsmission Aufgabe weniger Auserwählter war.

Man mißversteht mich, wenn in dieser Perspektive eine Apokalypse gesehen wird. Es handelt sich hierbei um erstaunlich effektive Möglichkeiten. Das "Glasperlenspiel" von Hermann Hesse soll zitiert werden, die Möglichkeit einer neuen geistigen Askese und einer Säuberung. Auch in Bereichen unabhängig von Universitäten können grundlegende Fragen des Wissens aufgeworfen werden, wie: Was ist das Element des Wissens?, zum Beispiel, daß es analysiert und zur Revision bereit ist, was gemeinsam ist, und was unter ungewissen Wissensaspiranten die für uns wichtige jüdisch-christliche Tradition unterscheiden und vererben läßt?

Unter Beachtung dieser Umstände - und dies soll das optimistische Schlußwort sein: Meiner Meinung nach löst sich sich das Problem der Kontinuität und der gleichzeitigen Ausrichtung auf die Zukunft in einer Welt von steigender Zerteilung und dauerhafter Wertkrise auch in der Epoche nach den Universitäten durch selbstregulierende Mechanismen.